diakonline Julian Gillesberger
Facebook-Beitrag

Die Sprache als Fundament unserer Gesellschaft

19.02.2026
Bild zum Beitrag
Die Sprache als Fundament unserer Gesellschaft Heute Morgen habe ich mir Zeit genommen, das Transkript der Rede von Herbert Kickl in Ried im Innkreis (Politischer Achermittwoch der FPÖ) von gestern Abend zu lesen. Es ist nicht die Veranstaltung an sich, der mich ratlos macht – es ist die Rede von Herbert Kickl und die aggressive Stimmung in der Jahnturnhalle, die mich fassungslos zurücklassen. Gleichzeitig spüre ich eine sehr klare innere Bestärkung in meinem Tun. In meinem Alltag als Musiker erlebe ich, dass der Ton die Musik macht. Ein einziger falscher Akkord, eine unsaubere Intonation und die Harmonie eines ganzen Orchesters kann ins Wanken geraten. Unsere Gesellschaft ist diesem Orchester gar nicht so unähnlich, und der Dirigent ist in diesem Fall unsere Sprache. Als Diakon fällt mir noch eine weitere Ebene auf. In der Seelsorge geht es um die unantastbare Würde jeder und jedes Einzelnen. Wenn ich dann die Zitate aus Ried lese, sehe ich, wie rote Linien nicht nur gestreift, sondern niedergetrampelt werden. Besonders erschreckend ist für mich auch die Dynamik in der Jahnturnhalle: Gerade bei den untergriffigsten Sagern ist das Gejohle und der Applaus am lautesten. Diese Resonanz legitimiert das Unsagbare und macht es schleichend zur Normalität. Hier ein paar Zitate aus der Rede: „Diese Regierung, diese Verliererampel, ist ja nichts anderes als ein politisch Hirntoter, der gerade noch von den Herz-Lungen-Maschinen der Systemmedien künstlich am Leben erhalten wird.“ Wer politische Gegner:innen als biologisch tot darstellt, entzieht ihnen jegliche demokratische Legitimität. Es ist der Versuch, Menschen die Existenzberechtigung im Diskurs abzusprechen. „Als Außenministerin eines neutralen Landes lässt die sich einen Orden von einer Kriegspartei umhängen! Ich meine, das ist ja unglaublich. Das ist ja, wie wenn der Papst eine Auszeichnung von einem Puff entgegennimmt!“ Dieser sexistische und schmutzige Vergleich hat nichts mit sachlicher Kritik zu tun, sondern soll die Person einfach nur im Dreck versinken lassen. Gleichzeitig offenbart dieser Sager ein erschreckendes Verständnis von Krieg: Indem ein überfallenes Land schlicht als „Kriegspartei“ abgestempelt wird, verschwimmen die Grenzen zwischen Angreifer und Verteidiger. Es wird so getan, als wäre diplomatisches Engagement und Menschlichkeit gegenüber den Opfern eines Aggressors bereits ein Verstoß gegen unsere Neutralität. Wenn es um die Neujahrsrede des Bundeskanzlers Ende Jänner vor geladenen Gästen geht, werden Zitate Dritter missbraucht, um andere abzuwerten: „Mir hat letztes Wochenende eine gesagt, dass sie das angeschaut hat: ‚Das war ja die reinste Inzuchtpartie!‘ Ich zitiere nur, ich würde solche Worte niemals in den Mund nehmen, wie ihr wisst.“ Herbert Kickl verwendet diesen Begriff, um die anderen als abgeschottetes, krankes System darzustellen. Das Kuriose dabei ist ja, dass in Ried auch Tausende Gleichgesinnte unter sich in der Halle sitzen, aber dort wird es als Volksnähe gefeiert. „Gleichzeitig leisten wir uns 22 Millionen Krankenhausbehandlungen in den letzten 10 Jahren für Gastpatienten, die so gut wie gar nichts eingezahlt haben. [...] für Afghanen, für Syrer...“ Diese Zahl ist faktisch falsch und brandgefährlich für unseren sozialen Frieden. „Und apropos WHO: Das ist ja dieser Verein, wo der berühmt-berüchtigte Bill Gates sein Geld hineinsponsert. [...] ist nur interessant, dass dieser Bill Gates als Liebling der Eliten dem Herrn Epstein hinterhergerannt ist... schauen wir uns ganz genau an, wer da in Österreich zu finden ist auf dieser ganz, ganz brutalen Liste!“ Ohne Beweise werden hier internationale Organisationen und Einzelpersonen mit schwersten Verbrechen in Verbindung gebracht. Was mich hier besonders besorgt: Er stellt damit quasi alle unter Generalverdacht und deutet an, eine Art Überwachung oder Verfolgung zu legitimieren, sollte er an die Macht kommen. Das ist ein Frontalangriff auf unseren Rechtsstaat und die Sicherheit jedes Einzelnen, der nicht in das Weltbild der FPÖ passt. „Der Green Deal, liebe Freunde, der Green Deal, der kriegt von uns ein Staatsbegräbnis! Da halte ich selber die Grabrede. [...] Die Chinesen machen es so, die Amerikaner machen es so, die BRICS-Staaten machen es so – also machen wir es auch so. Alles andere ist Selbstmord mit Anlauf!“ Wer den Schutz unserer Lebensgrundlagen als Begräbnis inszeniert, verweigert sich der Realität. Wenn solche Kräfte zu Entscheidungsträger:innen werden, blüht uns nicht nur eine ökologische Krise, sondern die totale wirtschaftliche Isolation. Es ist ein gefährliches Spiel mit unserer Zukunft. Mit der Sprache beginnt alles. Sie gibt vor, ob wir Brücken bauen oder Mauern hochziehen. Wenn wir zulassen, dass Radikalität und Populismus unseren Alltag übernehmen, zerstören wir das Vertrauen, das wir als Menschen brauchen. Parolen sind ein schlechter Ratgeber – sie vereinfachen dort, wo wir eigentlich genau hinschauen müssten. Stures Beharren auf einem Standpunkt führt nur in die Funkstille. Eine gute Demokratie muss wehrhaft sein, und das erfordert Zivilcourage von jedem von uns. Wir müssen persönlich auf die Sprache achten und widersprechen, wenn die Menschenwürde verletzt wird. #sprache #Vernunft #Zivilcourage #menschlichkeit #HaltungZeigen #miteinander #FPÖ #aschermittwoch #herbertkickl #riediminnkreis Foto: KI generiert
Originalbeitrag und Diskussion: Auf Facebook ansehen →
← Zur Übersicht · Startseite