GESPÜR
In den sozialen Medien geht das Gespür füreinander oft komplett verloren. Worte werden wie Steine geworfen, und die Hemmschwelle sinkt auf den Nullpunkt. Dieser hasserfüllte Lärm macht die Herzen hart und vergiftet das Klima, in dem wir alle leben. Genau dieses Gespür ist es aber, das uns eigentlich sagen sollte, wo die Grenze des Gegenübers liegt.
Als Musiker habe ich lernen dürfen: Eine einzige Note, die penetrant laut gespielt wird, erstickt jede Harmonie. Aber das Leben ist kein Solo in ohrenbetäubender Lautstärke, sondern eine komplexe Partitur, die vom Zusammenspiel vieler Stimmen lebt. Deshalb war extremes Gedankengut für mich auch nie ein Thema – es macht die Welt einfach furchtbar eng und lässt keinen Raum für Zwischentöne.
Dieses Vakuum in den sozialen Medien entsteht oft genau dort, wo die Sprache „von oben“ nur noch nach künstlicher Fassade und hohlen Phrasen klingt. Wenn Menschen das Gefühl verlieren, dass da echte, greifbare Personen für sie arbeiten, kippt die Stimmung in Wut um. Politiker:innen müssen hier ganz schnell, finde ich, eines lernen: Dass es eigentlich ein Segen ist, wenn die Menschen heute kritisch sind und sich einmischen wollen. Diese neue Mündigkeit ist kein Drohszenario, sondern eine riesige Chance für eine echte Erneuerung.
Wir müssen weg von den perfekt ausgeleuchteten PR-Bildern und hin zu einer Haltung, die den Spagat zwischen der großen Bühne und dem Gespräch beim Bäcker wieder neu lernt oder ihn überhaupt zum ersten Mal probiert. Staatstragend zu sein bedeutet heute mehr denn je, die Verantwortung eines Amtes ernst zu nehmen und trotzdem der Mensch zu bleiben, der beim Bäcker nicht nur die Semmeln mitnimmt, sondern im Gespräch mit einer Kundin oder einem Kunden spürbar interessiert ist an dem, was im Ort gerade wirklich Thema ist.
Vielleicht sollte man einfach mal bei manchen Lokalpolitiker:innen nachfragen, wie dieser Spagat im Alltag gelingt. Sie müssen das täglich tun, den Kontakt pflegen und wirklich zuhören – ganz ohne Filter. Dieses Andocken auf Augenhöhe fängt für mich dort an, wo man die bequeme erste Reihe fußfrei auch mal verlässt. Wir brauchen Politiker:innen, die den VIP-Club beim Fußball gegen den Stehplatz tauschen.
Es geht darum der Freunderlwirtschaft ade zu sagen. Anstatt auf Einladung zum nächsten Weltcuprennen zu jetten, um dort schnell ein Selfie mit einem Weltcupläufer für Instagram zu machen, wäre es viel stimmiger stattdessen direkt in eine Skifabrik zu fahren, um den Mitarbeiter:innen für deren Leistung zu danken und dabei den Weltcupläufer zu erwähnen. Ein ehrliches Selfie mit den Menschen in der Fabrik ist am Ende viel mehr wert als jedes Bild mit einem Weltcup-Sieger in einem VIP-Bereich. Der Sportler freut sich genauso über eine Gratulation auf WhatsApp – die Menschen im Werk aber spüren dann direkt, dass ihre Arbeit wertgeschätzt wird.
Aber dieses Dranbleiben ist nichts, was wir einfach nur „denen da oben“ zuschieben können. Ein gutes Miteinander braucht das Zusammenspiel der gesamten Gesellschaft. Wir alle sind gefordert, diesen Spagat zwischen der eigenen festen Überzeugung und dem echten Respekt für das Gegenüber immer wieder neu zu finden. Am Ende entscheiden wir gemeinsam, in was für einer Welt wir leben wollen:
In einer, in der nur der lauteste Lärm den Takt angibt, oder in einer, in der wir uns wieder auf Augenhöhe begegnen. Wenn wir das Gespür für die angemessene Sprache in unserer Kommunikation verlieren, verlieren wir am Ende das Fundament, das uns als Gemeinschaft zusammenhält.
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GESPÜR
21.02.2026

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