diakonline Julian Gillesberger
Facebook-Beitrag

Warum wir genauer hinschauen müssen

21.05.2026
Warum wir genauer hinschauen müssen Ich beobachte seit beinahe einem Jahr, was sich in bestimmten politischen Kommentarspalten abspielt. Nicht nebenbei, sondern bewusst. Immer wieder dieselben Seiten, dieselben Muster, dieselbe Art von Sprache. Und je länger man hinschaut, desto deutlicher wird: Das ist nicht einfach ein bisschen grantige Facebook-Stimmung. Da entsteht ein Raum, in dem Verachtung langsam normal wird. Viele Menschen meiden solche Seiten. Das verstehe ich sehr gut. Man liest ein paar Minuten mit und möchte wieder weg. Zu viel Wut, zu viel Gehässigkeit, zu viel von diesem Ton, den man im echten Leben kaum aushalten würde. Aber gerade weil viele vernünftige Menschen diese Räume meiden, bleiben dort oft jene unter sich, die sich gegenseitig immer weiter bestätigen. Das Problem beginnt meistens nicht mit einem völlig erfundenen Thema. Genau das macht es ja so wirksam. Es geht um Dinge, die viele Menschen wirklich beschäftigen: Steuergeld, Migration, EU, ORF, Kultur, Pensionen, Sicherheit, Kinder, Schulen, leistbares Leben. Über all das muss man reden. Nur wird dort selten versucht, ein Problem zu verstehen oder eine Lösung zu suchen. Ein Thema wird genommen und so aufgeladen, dass am Ende vor allem Wut übrig bleibt. Aus einer Förderung wird dann der Beweis, dass „das Land kaputt“ sei. Aus einem Orden wird die „Zerstörung Europas“. Aus einer Veranstaltung wird eine Gefahr für Kinder. Aus einem Musikbewerb wird eine „Freakshow“. Aus politischer Kritik wird sehr schnell persönliche Entwürdigung. Dann stehen darunter Kommentare, in denen Menschen als „Abschaum“, „Parasiten“, „Schmarotzer“, „Perverse“, „Volksverräter“ oder „Gesindel“ bezeichnet werden. Manchmal kommen Gewaltfantasien dazu, manchmal reine Menschenverachtung, manchmal gruppenbezogene Hetze gegen Menschen wegen Herkunft, Religion, sexueller Orientierung oder politischer Haltung. Das ist kein normaler politischer Streit mehr. Natürlich darf man Politik kritisieren. Man darf hart kritisieren. Man darf gegen eine Regierung sein, gegen eine Partei, gegen eine Förderung, gegen eine Sendung, gegen einen Beschluss. Demokratie braucht Widerspruch. Aber sie braucht auch ein Mindestmaß an Anstand, sonst wird aus Kritik ein Raum, in dem Menschen verlernen, einander noch als Menschen zu sehen. Genau das ist gefährlich. Denn diese Sprache bleibt nicht harmlos, nur weil sie online steht. Sie verändert, was sagbar wird. Sie verschiebt Grenzen. Sie macht es leichter, den politischen Gegner nicht mehr als Gegner zu sehen, sondern als Feind. Und irgendwann glaubt man wirklich, ein Land bestehe nur noch aus Verrätern, Bedrohern, Idioten und Feinden. Mit dem wirklichen Leben hat das oft wenig zu tun. Im Alltag sitzen Menschen mit völlig unterschiedlichen Meinungen nebeneinander im Wartezimmer, arbeiten im selben Betrieb, schicken ihre Kinder in dieselbe Schule, brauchen dieselben Ärzte, dieselbe Pflege, dieselbe Sicherheit, dieselben Straßen und denselben Frieden. Das reale Leben ist vielschichtiger als diese Kommentarspalten. Dort aber wird alles in Lager zerlegt. Österreicher gegen Ausländer. Steuerzahler gegen Künstler. Christen gegen Muslime. Normal gegen woke. Volk gegen System. Arm gegen noch ärmer. Aus dieser dauernden Gegenüberstellung entsteht keine Lösung. Es entsteht Misstrauen. Was kann man tun? Man muss sich nicht jede Kommentarspalte antun. Man muss auch nicht mit jedem Pöbler endlos diskutieren. Aber man sollte Grenzen benennen, wenn sie überschritten werden. Man sollte nach Quellen fragen, wenn Behauptungen einfach in den Raum gestellt werden. Man sollte nicht teilen, was nur wütend macht. Man sollte problematische Kommentare melden. Gewaltfantasien, Entmenschlichung und gruppenbezogene Hetze gehören gesichert und, wenn nötig, angezeigt. Vor allem aber sollten wir im eigenen Umfeld anders sprechen. Klar, aber nicht verächtlich. Kritisch, aber nicht entmenschlichend. Direkt, aber nicht so, als wäre der andere kein Mensch mehr. Es gibt echte Probleme. Gerade deshalb sollten wir sie nicht jenen überlassen, die daraus nur Feindbilder bauen. Eine Gesellschaft wird nicht besser, wenn sie sich daran gewöhnt, Menschen zu verachten. Sie wird besser, wenn Menschen hinsehen, widersprechen und trotzdem den Anstand nicht aufgeben. #Menschenwürde #Demokratie #GegenHass #FaktenStattFeindbilder #PolitikMitAnstand #Österreich #Widersprechen #Zusammenhalt
Originalbeitrag und Diskussion: Auf Facebook ansehen →
← Zur Übersicht · Startseite