Gewalt beginnt nicht erst bei der Ohrfeige
Am 1. Mai 2026 sprach Herbert Kickl in Linz von früherer „Nachhilfe“ durch Lehrer und machte dazu eine entsprechende Handbewegung. Am 21. Mai 2026 wurde im Nationalrat über einen Entschließungsantrag beraten, der ein klares Bekenntnis zur gewaltfreien Erziehung festhalten sollte.
Der Antrag war eigentlich nicht kompliziert. Darin stand unter anderem:
„Jede Form der Verharmlosung von Gewaltanwendung ist abzulehnen. Gewalt darf niemals ein legitimes Mittel sein.“
Man sollte meinen, dass so ein Satz in einem Parlament keine große Debatte auslösen muss. Vor allem nicht in einem Land, in dem Gewalt in der Erziehung seit Jahrzehnten verboten ist und Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben.
Trotzdem war genau das plötzlich strittig.
Die FPÖ brachte einen eigenen Antrag ein. Darin ging es nicht allgemein um Gewalt gegen Kinder, sondern um den Schutz von Kindern vor „importierter“ Gewalt. Damit wurde das Thema verschoben. Aus der einfachen Frage, ob jedes Kind vor Gewalt geschützt werden muss, wurde wieder ein politisches Lager- und Herkunftsthema.
Aber Gewalt gegen Kinder braucht kein Herkunftsetikett.
Ein Kind, das geschlagen, gedemütigt, bedroht oder erniedrigt wird, fragt nicht, ob diese Gewalt „importiert“ oder „einheimisch“ ist. Ein Kind braucht Schutz. Punkt.
Bei der „gsunden Watschn“ hört sich für mich der Spaß auf.
Kinder brauchen Grenzen. Sie brauchen Erwachsene, die verlässlich sind, die hinschauen, die ein Nein auch durchhalten und die Verantwortung übernehmen, wenn Situationen schwierig werden. Genau das ist Erziehung. Eine Ohrfeige macht daraus keine bessere Erziehung. Sie zeigt nur, dass ein Erwachsener körperlich stärker ist.
Eine Ohrfeige bleibt Gewalt. Auch dann, wenn man sie verniedlicht. Auch dann, wenn man sie als „Erziehungsmaßnahme“ bezeichnet.
Dass manche Erwachsene heute sagen, es habe ihnen nicht geschadet, macht Gewalt nicht richtig. Oft zeigt es nur, wie schwer es ist, das eigene Erleben später als Unrecht zu benennen.
Ein Kind lernt dadurch keinen Respekt. Es lernt, dass der Stärkere zuschlägt, wenn ihm nichts Besseres einfällt. Es lernt, dass Angst ein Teil von Erziehung sein kann. Und genau solche Erfahrungen verschwinden nicht einfach, nur weil Erwachsene sie später kleinreden.
Gerade deshalb ist das Abstimmungsverhalten der FPÖ so bemerkenswert. Eine Partei, die ständig von Familie, Heimat und christlichen Werten spricht, müsste bei einem klaren Bekenntnis zu gewaltfreier Erziehung eigentlich keine Sekunde zögern.
Denn christliche Werte zeigen sich nicht nur am Feiertag, nicht nur beim Kreuz im Sujet und nicht nur bei schönen Worten über Tradition. Sie zeigen sich dort, wo jemand schwächer ist und Schutz braucht.
Ein Kind ist kein Ort für Machtspiele Erwachsener.
Christentum ist mehr als Brauchtum. Wer sich darauf beruft, muss sich an Barmherzigkeit, Verantwortung und Menschenwürde messen lassen. Gerade beim Umgang mit Kindern. Gerade dort, wo Erwachsene überlegen sind und Kinder abhängig.
Gewalt beginnt außerdem oft früher als bei der Hand, die zuschlägt. Sie beginnt in der Sprache.
Und genau das sieht man täglich in diversen Kommentarspalten auf FPÖ-nahen Seiten. Dort werden Kinder, die schwierig sind, schnell zu „Rotzlöffeln“ oder „Fratzen“. Politische Gegner werden zu „Volksverrätern“. Menschen mit anderer Herkunft, anderer Religion oder anderer Lebensweise werden als Gefahr, Belastung oder Feind beschrieben. Das sind keine harmlosen Worte. Das ist ein Ton, der Menschen kleinmacht, bevor überhaupt noch über Lösungen gesprochen wird.
Wer so über Kinder spricht, ist schneller bereit, Härte für Erziehung zu halten. Wer politische Gegner ständig als Feinde beschreibt, findet Verachtung irgendwann normal. Und wer ganze Gruppen immer nur als Bedrohung sieht, verliert mit der Zeit das Gespür dafür, dass es um Menschen geht.
Auch Worte können Ohrfeigen sein.
Sie treffen vielleicht nicht körperlich, aber sie können demütigen, beschämen, kleinmachen und verletzen. Sie können einem Kind einreden, es sei nichts wert. Sie können Menschen gegeneinander aufbringen. Sie können Gewalt vorbereiten, lange bevor jemand die Hand hebt.
Eine Gesellschaft, die sich an Verachtung gewöhnt, wird auch im Handeln härter. Wer Kinder entwürdigt, rechtfertigt leichter Gewalt gegen sie. Wer andere Menschen entmenschlicht, duldet leichter Gewaltfantasien. Wer überall Feinde sieht, verliert irgendwann den Blick für den Menschen.
Natürlich gibt es schwierige Kinder. Natürlich gibt es überforderte Eltern. Natürlich gibt es Schulen, in denen vieles aus dem Ruder läuft. Genau darüber müsste Politik ernsthaft reden: über Unterstützung für Familien, bessere Schulen, Schulsozialarbeit, psychische Gesundheit, klare Regeln und wirksame Konsequenzen bei Gewalt.
Der Ruf nach der „gsunden Watschn“ löst davon gar nichts.
Er ist nur die alte Ausrede dafür, dass Erwachsene manchmal nicht wissen, was sie sonst tun sollen.
Kinder brauchen Erwachsene, die stark genug sind, ohne Gewalt auszukommen.
Und wer christliche Werte für sich beansprucht, sollte genau dort anfangen.
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Gewalt beginnt nicht erst bei der Ohrfeige
23.05.2026
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