diakonline Julian Gillesberger
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Wo geht Empathie verloren?

01.06.2026
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Wo geht Empathie verloren? Nach meinen letzten Beiträgen über faschistische Sprache und die Verrohung in den Kommentarspalten beschäftigt mich eine Frage immer stärker: Was passiert im Leben von Menschen, dass sie andere irgendwann so ansehen? Was muss in einer Familie, in einer Schule, in einem Umfeld, in einem Leben schiefgelaufen sein, dass jemand über Menschen fast nur noch in Gruppen spricht, sie pauschal abwertet, ihnen jedes Gute abspricht und dabei glaubt, besonders mutig oder besonders ehrlich zu sein? Ich meine das ohne Entschuldigung für Hass. Wer Menschen als „Heuschrecken“, „Dreck“, „Volksverräter:innen“, „Systemlinge“ oder „Bedrohung“ bezeichnet, trägt Verantwortung für diese Sprache. Trotzdem bleibt die Frage, wo dieser Punkt liegt, an dem Empathie verloren geht. Vielleicht beginnt es mit Angst. Mit dem Gefühl, den eigenen Platz zu verlieren. Mit Kränkung. Mit dem Eindruck, übersehen oder belogen zu werden. Vielleicht auch mit Erfahrungen, in denen man selbst zu wenig gesehen wurde und irgendwann Härte mit Stärke verwechselt. Und dann kommt eine Politik, die aus genau diesen Gefühlen Kapital schlägt. Sie zeigt auf Schuldige, statt Probleme ernsthaft zu erklären. Sie erzählt vom Verrat, statt Verantwortung zu übernehmen. Sie verkauft einfache Gewissheiten, wo eigentlich Genauigkeit nötig wäre. Sie behauptet, allein auf der Seite der Menschen zu stehen, während sie diese Menschen in ihrer Wut festhält. Irgendwann entsteht daraus ein geschlossenes Bild. Medien lügen. Gerichte sind Teil des Systems. Wissenschaft ist gekauft. NGOs steuern im Hintergrund. Feminismus zerstört die Familie. „Woke“ ist an allem schuld. Migration erklärt alles. Wer widerspricht, gehört automatisch zur Gegenseite. Ab diesem Punkt haben Argumente kaum noch Platz. Jedes neue Problem wird zur Bestätigung des eigenen Weltbildes. Jeder Einzelfall wird zum Beweis. Jede Gegenrede wird als Zensur verstanden. Jede Nachfrage wird zum Angriff. Jede Quelle, die widerspricht, gilt als Teil derselben angeblichen Maschinerie. Hat das mit Intelligenz zu tun? Nur begrenzt. Auch kluge Menschen können sich in Angst, Wut und Selbstbestätigung verlieren. Bildung schützt nur dann, wenn sie mit Selbstkritik, Offenheit und der Bereitschaft verbunden ist, auch das eigene Denken zu prüfen. Entscheidend ist oft die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten, ohne sofort eine:n Feind:in daraus zu machen. Empathie heißt für mich, den Menschen weiterhin zu sehen, auch wenn ich sein Verhalten, seine Meinung oder seine Politik ablehne. Genau das geht in vielen Debatten verloren. Wer nur noch gegen „die Ausländer:innen“, „die Linken“, „die Woken“, „die Medien“, „die Muslim:innen“ oder „die da oben“ schreibt, spricht irgendwann eher über ein inneres Feindbild als über Wirklichkeit. Bei manchen ist das Berechnung. Gerade bei Politiker:innen und Meinungsmacher:innen. Angst ist ein Rohstoff. Wut bringt Reichweite. Verachtung bindet Menschen an eine Gruppe. Wer anderen dauernd einredet, sie seien von allen Seiten bedroht, kann sich leicht als Retter:in verkaufen. Bei anderen ist es vielleicht eher ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Einfachheit und dem Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Eine komplizierte Welt wird leichter erträglich, wenn man endlich zu wissen glaubt, wer schuld ist. Aber eine Demokratie kann auf Dauer kaum bestehen, wenn immer mehr Menschen nur noch in Feind:innen denken. Deshalb braucht es Widerspruch. Nicht mit eigener Verachtung, sondern klar und hartnäckig. Wir müssen nachfragen, wenn pauschalisiert wird. Wir müssen widersprechen, wenn Menschen entwürdigt werden. Wir müssen Quellen verlangen, wenn Behauptungen hingeworfen werden. Wir müssen im Gespräch bleiben, solange Gespräch möglich ist, und Grenzen ziehen, wenn aus Meinung Hass wird. Demokratie darf wehrhaft sein. Sie muss es sein. Wehrhaft heißt, Menschenwürde zu verteidigen. Auch dort, wo es mühsam wird. Auch dort, wo man dafür beschimpft wird. Auch dort, wo andere längst aufgegeben haben. Vielleicht gewinnt man damit keine Kommentarspalte. Aber man verhindert, dass Hass unwidersprochen normal wird. Und das ist schon viel. Bild: KI generiert #Demokratie #Menschenwürde #Österreich #Debatte #Empathie #Zusammenhalt #KeineFeindbilder #FaktenStattHetze #WehrhafteDemokratie
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