Wie weit ist „damals“ wirklich weg?
Gestern habe ich auf der Grenzlandbühne Leopoldschlag „Der Boxer“ von Felix Mitterer gesehen. Ich war beeindruckt von der schauspielerischen Leistung und bin gleichzeitig mit einem ziemlich unguten Gefühl nach Hause gefahren.
Das Stück erzählt, frei nach seinem Schicksal, die Geschichte des Sinto-Boxers Johann „Rukeli“ Trollmann. Ein hervorragender Boxer, Deutscher Meister im Halbschwergewicht. Doch seine Leistung zählte plötzlich nicht mehr. Er war Sinto und passte damit nicht in das Menschenbild der Nationalsozialisten. Sein Titel wurde ihm aberkannt. Später wurde er verfolgt und im KZ ermordet.
Was mich besonders beschäftigt hat, war die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen auf der Bühne andere Menschen eingeteilt haben. Nach Herkunft. Nach angeblicher „Rasse“. Nach dem Gefühl, selbst mehr wert zu sein als andere.
Heute wissen wir, wohin dieses Denken geführt hat.
Und trotzdem saß ich gestern im Theater und dachte mir mehrmals: Haben wir es wirklich verstanden?
Natürlich leben wir nicht im Jahr 1933. Und trotzdem begegnet mir heute wieder dieses Denken in „die einen“ und „die anderen“. Menschen werden nach ihrer Herkunft beurteilt. Politiker:innen sprechen von „Remigration“. AfD-Politiker:innen gehen durch ein Viertel und fordern Menschen, die sie für Migrant:innen halten, vor laufender Kamera auf, die Straße zu putzen.
Und dann die sozialen Medien.......
Da wird über Flüchtlinge, Ausländer:innen, Muslim:innen und politisch Andersdenkende geschrieben, als wären es keine Menschen mehr. Da wird beleidigt, abgewertet und pauschal verurteilt. Oft mit einer Selbstverständlichkeit, die mich erschreckt.
Vielleicht ist es genau das, was „Der Boxer“ so aktuell macht.
Es beginnt mit dem Blick auf einen Menschen.
Sehe ich zuerst seine Herkunft? Seine Religion? Seine Hautfarbe? Seine politische Meinung?
Oder sehe ich einen Menschen?
Eine Schublade ist schnell gefunden. Und wenn jemand einmal darin steckt, wird das Urteil oft sehr einfach.
Ich glaube, es würde guttun, öfter bei sich selbst anzufangen.
Wie rede ich über Menschen, die anders denken als ich? Wie schnell glaube ich zu wissen, wie „die Ausländer:innen“, „die Flüchtlinge“, „die Muslim:innen“, „die Rechten“ oder „die Linken“ sind? Wie schnell wird aus einem einzelnen Menschen eine ganze Gruppe?
Die Würde des Menschen ist unantastbar!
Dieser Satz ist nicht verhandelbar!
Menschenwürde hängt nicht vom Pass ab. Nicht von der Hautfarbe. Nicht von der Religion. Nicht davon, wo jemand geboren wurde. Und auch nicht davon, ob mir ein Mensch sympathisch ist oder ob ich seine Meinung teile.
Hass beginnt selten dort, wo er sofort als Hass erkennbar ist.
Er beginnt oft in der Sprache. In einem Witz. In einer abfälligen Bemerkung. In einem herablassenden Blick. In dem Gefühl, selbst ein wenig über einem anderen Menschen zu stehen.
Genau diese Haltung hat mich gestern auf der Bühne erschreckt.
Denn Sprache verändert den Blick. Und der Blick verändert irgendwann auch das Handeln.
Wer meint, solche Entwicklungen seien heute unmöglich, darf ruhig in ein Geschichtsbuch schauen. Oder manchmal einfach in die Kommentarspalten unserer Zeit.
Wer Ideologien unterstützt, die Menschen nach Herkunft einteilen, abwerten und gegeneinander ausspielen, dreht an dieser Spirale mit.
Gleichzeitig möchte ich auch auf mich selbst schauen. Denn auch der Widerstand gegen Hass darf nicht wieder in Hass auf Menschen führen. Eine Ideologie kann ich klar ablehnen und trotzdem die Würde des Menschen achten, der sie vertritt.
Vielleicht hat mich „Der Boxer“ deshalb so getroffen. Weil das Stück keine abgeschlossene Vergangenheit zeigt.
Es stellt eine Frage an die Gegenwart.
Wie schaue ich selbst auf andere Menschen?
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Wie weit ist „damals“ wirklich weg?
14.08.2026
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