NICHT KREUZE ZÄHLEN. MENSCHEN SEHEN.
117 Kreuze fehlen in Welser Klassenzimmern. Sie werden gezählt, nachbestellt und wieder aufgehängt.
Und ich frage mich: Haben wir damit wirklich etwas für das Christentum getan?
Ich bin Christ und Diakon. Das Kreuz gehört zu meinem Glauben. Gerade deshalb stört es mich, wenn es politisch vereinnahmt und zum Symbol für „unsere Heimat“ gemacht wird.
Denn das Kreuz ist viel mehr.
Am Kreuz hängt kein Sieger. Da hängt ein Mensch. Verwundet. Ausgeliefert. Von den Mächtigen seiner Zeit beseitigt. Für mich sagt dieses Kreuz: Gott steht dort, wo Menschen leiden. Wo jemand ausgegrenzt wird. Wo jemand keine Stimme hat. Wo jemand unter die Räder kommt.
Deshalb fragt mich das Kreuz nicht zuerst: Hängt eines an der Wand?
Es fragt: Wie gehen wir miteinander um? Wie behandeln wir das Kind, das nicht mithalten kann? Wie begegnen wir Menschen, die anders glauben? Wie reden wir über Fremde? Wie gehen wir mit Armen, Schwachen und Ausgegrenzten um?
Ein Kreuz aufzuhängen ist leicht. Nächstenliebe ist schwieriger. Barmherzigkeit auch. Menschenwürde für alle ebenso.
Das Evangelium ist kein Dekor. Und das Kreuz ist kein Heimatlogo.
Natürlich kann und darf ein Kreuz in einem Klassenzimmer hängen. Aber dann sollten wir auch darüber reden, wofür es steht. Für einen Jesus, der Grenzen überschritten hat. Der sich zu den Ausgegrenzten gesetzt hat. Der Menschen nicht nach Herkunft, Religion oder gesellschaftlichem Ansehen sortiert hat.
Vielleicht wäre genau das die spannendere Frage für Schulen: Was bedeutet dieses Kreuz für unser Zusammenleben?
Wenn die Antwort nur lautet: „Das gehört zu uns“, dann ist mir das zu wenig.
Christentum ist keine Folklore.
Glaube beginnt dort, wo das Kreuz von der Wand in unser Leben rutscht. Wo aus einem Symbol eine Haltung wird. Wo wir nicht Kreuze zählen, sondern Menschen sehen.
Darum halte ich solche groß angekündigten Kreuz-Zählaktionen für Symbolpolitik. Sie schaffen Aufmerksamkeit. Aber christlicher wird eine Gesellschaft dadurch noch lange nicht.
Vielleicht sollten wir weniger darüber streiten, ob das Kreuz hängt, und viel öfter darüber reden, was es von uns verlangt.
Nicht Kreuze zählen.
Menschen sehen.
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NICHT KREUZE ZÄHLEN. MENSCHEN SEHEN.
12.09.2026

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